Der Schmetterling: Sinnbild für die Vergeistigung der Materie nach der Analogie: Raupe = Inkarnation, Puppe = Tod, Falter = Geistwesen

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von anderen Meistern

     

    Weises

     

    Wiedergeburt

    Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
    Vom Himmel kommt es,
    zum Himmel steigt es
    und wieder nieder zur Erde muss es –
    ewig wechselnd.

    Johann Wolfgang von Goethe
    1. Vers aus: Gesang der Geister über den Wassern

     

    So mußt du sein ...

    Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
    die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
    bist alsobald und fort und fort gediehen,
    nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
    So mußt du sein, du kannst dir nicht entfliehen,
    so sagten schon Sybillen, so Propheten,
    und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
    geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

    Johann Wolfgang von Goethe
    Orphische Urworte

     

    Der Schatzgräber

    Arm am Beutel, krank am Herzen
    Schleppt' ich meine langen Tage.
    Armut ist die größte Plage,
    Reichtum ist das höchste Gut!
    Und, zu enden meine Schmerzen,
    Ging ich, einen Schatz zu graben.
    Meine Seele sollst du haben!
    Schrieb ich hin mit eignem Blut.

    Und so zog ich Kreis' um Kreise,
    Stellte wunderbare Flammen,
    Kraut und Knochenwerk zusammen:
    Die Beschwörung war vollbracht.
    Und auf die gelernte Weise
    Grub ich nach dem alten Schatze
    Auf dem angezeigten Platze;
    Schwarz und stürmisch war die Nacht.

    Und ich sah ein Licht von weiten,
    Und es kam gleich einem Sterne
    Hinten aus der fernsten Ferne,
    Eben als es zwölfe schlug.
    Und da galt kein Vorbereiten;
    Heller ward's mit einem Male
    Von dem Glanz der vollen Schale,
    Die ein schöner Knabe trug.

    Holde Augen sah ich blinken
    Unter dichtem Blumenkranze;
    In des Trankes Himmelsglanze
    Trat er in den Kreis herein.
    Und er hieß mich freundlich trinken;
    Und ich dacht': es kann der Knabe
    Mit der schönen lichten Gabe
    Wahrlich nicht der Böse sein.

    Trinke Mut des reinen Lebens!
    Dann verstehst du die Belehrung,
    Kommst mit ängstlicher Beschwörung
    Nicht zurück an diesen Ort.
    Grabe hier nicht mehr vergebens!
    Tages Arbeit, Abends Gäste!
    Saure Wochen, frohe Feste!
    Sei dein künftig Zauberwort. 

    Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

     

    Der Vorsatz

    Ein großer Teich war zugefroren,
    die Fröschlein in der Tiefe verloren.
    Sie konnten nicht ferner quaken noch springen,
    versprachen sich aber im halben Traum
    fänden sie nur da oben Raum:
    wie Nachtigallen wollten sie singen.

    Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
    nun ruderten sie und landeten stolz
    und saßen am Ufer weit und breit
    und – quakten wie vor alter Zeit.

    Johann Wolfgang von Goethe 

     

    Spruch des Seilers:

    Die kleinen Lumpen hängt man auf,
    die großen läßt man laufen.
    Wär's umgekehrt im Weltenlauf
    würd' ich viel Seil verkaufen.

    Unbekannter Autor

     

    Besinnliches

    Der Engel

    Du siehst ihn nicht, du weißt ihn nur
    dir wundersam zur Seite weh’n,
    wenn plötzlich eine lichte Spur
    dich führt durch finsteres Gescheh’n.

    Wenn dir ein gutes Wort gelingt,
    das Brücken schlägt von Herz zu Herz
    und in dir selber widerklingt
    beglückend wie der Glocke Erz –

    Wenn deine volle Hand beschenkt,
    fleht Dürftigkeit und Not dich an,
    sich dann Frohlocken in dich senkt,
    als hättest du es Gott getan –

    So weißt du ihn getreulich da,
    schaust du auch nie sein Angesicht,
    das blendender als Sonnenlicht
    noch keinem Sterblichen geschah.

    Peter Bauer in:
     Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule, 5.-8. Schuljahr Paul Christian-Verlag, Horb am Neckar, 1950

     

    Vergänglichkeit

    Dies Haus ist mein und doch nicht mein
    nach mir zieht wieder ein Anderer ein
    den Dritten trägt man auch hinaus
    drum sag mir, wem gehört dies Haus?

    Unbekannter Autor

     

    Lebensmaxime

    Dankbar rückwärts
    Mutig vorwärts
    Gläubig aufwärts

     Unbekannter Autor

     

    Die Kapelle

    Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Tal hinab,
    drunten singt bei Wies und Quelle froh und hell der Hirtenknab.

    Traurig tönt das Glöcklein nieder, schauerlich der Leichenchor;
    stille sind die frohen Lieder, und der Knabe lauscht empor.

    Droben bringt man sie zu Grabe, die sich freuten in dem Tal.
    Hirtenknabe, Hirtenknabe, dir auch singt man dort einmal!

     Ludwig Uhland

     

    Das Elternhaus

      Wo's Dörflein dort zu Ende geht,
      Wo's Mühlenrad am Bach sich dreht,
      Da steht im duft'gen Blütenstrauß
      Ein Hüttlein, es ist mein Elternhaus.
      Refrain:
      Dahin, dahin verlangt mein Sehnen,
      Ich denke dein gar oft mit Tränen,
      Mein Elternhaus, so lieb und traut
      Das ich so lang nicht mehr geschaut.

      Da schlagen mir zwei Herzen drin
      Voll Liebe und voll treuem Sinn;
      Mein Vater und die Mutter mein,
      Das sind die Herzen fromm und rein.
      Refrain

      Darin noch eine Wiege steht;
      Darin lernt' ich mein erstes Gebet;
      Darin fand Spiel und Lust stets Raum;
      Darin träumt ich den ersten Traum.
      Refrain

      Drum tauscht ich für das schönste Schloß,
      Wär's felsenfest und riesengroß,
      Mein liebes Hüttlein doch nicht aus;
      Es gibt ja nur ein Elternhaus.
      Refrain

      Franz Wiedemann 

     

    Die Ballade vom Vergelt's Gott

    Beim Metzger erschien ein alt Weiblein in Sitten.
    Ein kleines Stück Fleisch nur, drum tät sie schön bitten.
    Es lachte der Metzger: "Ja kannst Du's bezahlen ? -
    denn wenn Du kein Geld hast, ich werd Dir was malen!"

    Da seufzte das Weiblein: "Das ist es ja eben,
    ich kann Euch ein Vergelt's Gott nur geben."
    Da höhnte der Metzger: "Das könnt Dir so passen,
    bei solcher Währung mit Fleisch noch zu prassen."

    Drauf meinte das Weiblein: "Versündigt Euch nicht!
    Es hat ein Vergelt's Gott doch auch sein Gewicht!"
    Da lachte der Metzger: "Wir wollen's versuchen,
    wieviel für's Vergelt's Gott an Fleisch ist zu buchen.
    Ich leg auf die Waag' hier das Stücklein vom Schwein,
    und Du legst dafür Dein Vergelt's Gott hinein!"

    Das Weiblein bedankt sich artig dafür,
    rasch schrieb es das Wort auf ein Blättchen Papier
    und legt's auf die Schale, die, wartend noch leer. -
    Und siehe, sie senkte sich wuchtig und schwer!
    Da stutzte der Metzger, und hieb auf das Glück
    vom Schweinernen ab noch ein weiteres Stück. -

    Doch siehe, die Schale, sie senkte sich nicht,
    noch zeigte sich beides nicht gleich an Gewicht.
    Da riß es den Metzger verzweifelt herum
    und legte dazu noch ein gewaltiges Trumm.

    Doch sagt nun das Weiblein: "Oh haltet nur ein,
    ich meine, es wird schon so richtig nun sein!" -
    Da stellte die Waage sich plötzlich auf "Gleich".
    Der Metzger, er ward wie ein Linnen so bleich.
    Er schob ihr das Fleisch zu: "Nehmt alles nach Haus,
    ich geb' es Euch gern, es macht mir nichts aus."

    Er sah, wie sie still durch die Türe entschwand,
    ein Schimmer umstrahlte ihr ärmlich Gewand.
    Der Metzger, er sah wie entgeistert ihr nach
    und horchte der Stimme, die jetzt zu ihm sprach.
    Die Stimme, sie traf ihn im innersten Kern:
    "Die Waage des Mitleids - die Währung des Herrn!"

    (von Franz Karl Ginzkey, nach einer Sage aus dem Attersee-Gebiet) 

     

    Aufforderung zur Tat

    Wo gibt es heut noch Sterne,
    die wie ein Kompaß sind?
    Wo gibt es heut Kometen,
    die lenken hin zum Kind?

    Wo gibt es heut noch Engel,
    die in den Lüften sind,
    die singen, jauchzen, loben
    und künden uns vom Kind?

    Wo gibt es heut noch Weise,
    die auf der Reise sind,
    die keine Mühsal scheuen
    auf ihrem Weg zum Kind?
    Wo gibt es heut noch Hirten,
    die auf dem Felde sind,
    verlassen ihre Herde
    und ziehen hin zum Kind?

    Wo gibt es heut noch Frieden? –
    Fang einfach damit an!
    In deinem Haus, in deiner Stadt,
    dann wär’ schon viel getan! 

    Barbara Crotzius

     

    Abschied

    Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,
    von vielen Blättern eines.
    Das eine Blatt, man merkt es kaum,
    denn eines ist ja keines.
    Doch dieses eine Blatt allein
    war Teil von unserem Leben.
    Drum wird dies eine Blatt allein
    uns immer wieder fehlen.

     Unbekannter Autor

     

    Der tapfere Schwabe

    Als Kaiser Rotbart lobesam
    Zum heil'gen Land gezogen kam,
    Da mußt' er mit dem frommen Heer
    Durch ein Gebirge, wüst und leer.
    Daselbst erhob sich Große Not:
    Viel Steine gab's und wenig Brot'
    Und mancher deutsche Reitersmann
    Hat dort den Trunk sich abgetan.
    Den Pferden war's so schwach im Magen,
    Fast mußte der Reiter die Mähre tragen.

    Nun war ein Herr aus Schwabenland
    Von hohem Wuchs und starker Hand;
    Des Rößlein war so krank und schwach,
    Er zog es nur am Zaume nach.
    Er hält' es nimmer aufgegeben,
    Und kostet's ihn das eigne Leben.
    So bliebt er bald ein gutes Stück
    Hinter dem Heereszug zurück.

    Da sprengten plötzlich in die Quer
    Fünfzig türkische Reiter daher.
    Die huben an, auf ihn zu schießen,
    Nach ihm zu werfen mit den Spießen.
    Der wackre Schwabe forcht sich nit,
    Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
    Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
    Und tät nur spöttlich um sich blicken

    Bis einer, dem die Zeit zu lang,
    Auf ihn den krummen Säbel schwang.
    Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
    Er trifft des Türken Pferd so gut,
    Er baut ihm ab mit einem Streich
    Die beiden Vorderfüß' zugleich.
    Als er das Tier zu Fall gebracht,
    Da fußt er erst sein Schwert mit Macht;
    Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
    Haut durch bis auf den Sattelknopf,
    Haut auch den Sattel noch zu Stücken
    Und tief noch in des Pferdes Rücken.
    Zur Rechten sieht man wie zur Linken
    Einen halben Türken heruntersinken.

    Da packt die andern kalter Graus,
    Sie fliehe in alle Welt hinaus,
    Und jedem ist's, als würd ihm mitten
    Durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.
    Drauf kam des Wegs 'ne Christenschar,
    Die auch zurückheblieben war.
    Die sahen nun mit gutem Bedacht,
    Was Arbeit unser Held gemacht.
    Von denen hat's der Kaiser vernommen,
    Der ließ den Schwaben vor sich kommen.
    Er sprach: "Sag an, mein Ritter wert,
    Wer hat dich solche Streich' gelehrt?"
    Der Held bedacht' sich nicht zu lang:
    "Die Streiche sind bei uns im Schwang;
    Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
    Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche!"

    Ludwig Uhland (1787-1862)

     

    John Maynard

    Wer ist John Maynard?
    John Maynard war unser Steuermann
    aus hielt er, bis er das Ufer gewann;
    er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
    er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
    John Maynard.

    Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee,
    Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
    von Detroit fliegt sie nach Buffalo;
    die Herzen aber sind frei und froh,
    und die Passagiere mit Kindern und Frau’n
    im Dämmerlicht schon das Ufer schaun;
    und plaudernd an John Maynard heran tritt alles:
    "Wie weit noch, Steuermann?"
    Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
    "Noch dreißig Minuten... halbe Stund."

    Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei;
    da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei.
    "Feuer!" war es, was da klang,
    ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
    ein Qualm, dann Flammen lichterloh;
    – und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

    Und die Passagiere, buntgemengt,
    am Bugspriet steh’n sie zusammengedrängt.
    Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
    am Steuer aber lagert sich's dicht,
    und ein Jammern wird laut:
    "Wo sind wir? wo?"
    – Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

    Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht;
    der Kapitän nach dem Steuer späht.
    Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
    aber durchs Sprachrohr fragt er an:
    "Noch da, John Maynard?"
    "Ja, Herr, ich bin."
    "Auf den Strand! In die Brandung!''
    "lch halte drauf hin."
    Und das Schiffsvolk jubelt:
    "Halt aus! Hallo!"
    – und noch zehn Minuten bis Buffalo.

    "Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
    mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's."
    Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
    jagt er die "Schwalbe" mitten hinein;
    soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
    – Rettung: der Strand von Buffalo.
    Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
    Gerettet alle. – Nur Einer fehlt!

    Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
    himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
    ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
    ein Dienst nur, den sie heute hat:
    Zehntausend folgen oder mehr,
    und kein Aug im Zuge, das tränenleer.
    Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
    mit Blumen schließen sie das Grab,
    und mit goldner Schrift in den Marmorstein
    schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
    "Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
    hielt er das Steuer fest in der Hand.
    Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
    er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
    John Maynard.

    Theodor Fontane in:
    Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule 5. bis 8. Schuljahr, – Paul Christian-Verlag, Horb a.N. 1954

     

    Heiteres

    Der fleißige Kleinknecht

    überliefert von meiner Großmutter (Emma Briemle, † 1961)

    Leute seht und höret doch,
    ist es da ein Wunder noch:
    meine Höslein, wenn sie reißen,
    meine Schühlein, wenn sie schleißen.
    Muß ja laufen, muß ja rennen,
    daß mich meine Füßlein brennen.
    Immer, immer gibt's zu tun,
    darf die ganze Woch' nicht ruh'n:

    Montags muß ich früh aufsteh'n,
    muß ein Semmri Erbsen sä'n,
    muß ein Semmri Wicken streu'n,
    daß die Tauben auch sich freu'n.

    Dienstags muß ich einen Humpen
    und ein Faß voll Wasser pumpen;
    muß den Trog am Brunnen füllen,
    daß das Vieh den Durst kann stillen.

    Mittwochs muß ich Schäflein weiden
    in dem Rain und auf den Heiden,
    muß den bösen Wolf abwehren,
    möcht' er Lammfleisch gern verzehren.

    Donnerstags muß ich beim Brüten
    Gänse, Enten Hühner hüten.
    Marder, Iltis, Wiesel, Füchse
    schießen mit der Prügelbüchse.

    Freitags muß ich Kleinholz schlagen,
    Salz und Schmalz und Butter tragen,
    Kohlen blasen, Späne suchen,
    denn die Bäuerin backt die Kuchen.

    Samstags muß ich Stiefel schmieren,
    für die Magd den Besen führen;
    Spinnen kehren, Strohwisch binden
    und dem Bauer die Pfeif' anzünden.
    Leute seht und höret doch:
    ist es da ein Wunder noch,
    wenn ich nach so herber Plage
    endlich nach dem Sonntag frage!

    Denn am Sonntag, ja am Sonntag
    ist es schöner als am Montag:
    In der Kammer aus der Truhe
    hol' ich mir dann neue Schuhe,
    neue Höschen, neues Röckchen,
    weißes Hemdchen, frische Söckchen.
    Und wenn dann die Glocken schallen,
    darf ich hin zur Kirche wallen.
    Gott sei Lob und Dank und Ehr,
    wenn's nur immer Sonntag wär!

     

    Der Briefmark

    Ein männlicher Briefmark erlebte
    Was Schönes, bevor er klebte.
    Er war von einer Prinzessin beleckt.
    Da war die Liebe in ihm erweckt.
    Er wollte sie wieder küssen,
    Da hat er verreisen müssen.
    So liebte er sie vergebens. 
    Das ist die Tragik des Lebens ...

    Joachim Ringelnatz  

     

    Der Zahnarzt

    Nicht immer sind bequeme Stühle
    ein Ruheplatz für die Gefühle.
    Man säße lieber in den Nesseln
    als auf den wohlbekannten Sesseln,
    vor denen – sauber und vernickelt –
    der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.

    Er lächelt ganz empörend herzlos
    und sagt, es sei fast beinah’ schmerzlos.
    Doch leider unterhalb der Plombe
    stößt er auf eine Katakombe, die,
    wie der mit dem Häkchen spürt,
    in unbekannte Tiefen führt.

    Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
    stößt vor er bis zum Nervenfädchen.
    Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel.
    Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,
    mit der er alsbald dir beweist,
    daß du voll Schmerz im Innern seist.
    Du aber hast ihm zu beweisen,
    daß du im Äußern fest wie Eisen.

    Hat er sein Werk mit Gold bekrönt
    sind mit der Welt wir neu versöhnt,
    und zeigen – noch im Aug die Träne –
    ihr furchtlos wiederum die Zähne
    die wir – ein Prahlhans wer’s verschweigt –
    dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.

    Eugen Roth

     

    Vom Ärger

    Amadäus Zutzelberger
    hat so täglich seinen Ärger;
    und täglich wird der Ärger ärger
    und das ärgert Zutzelberger.

    Und wie stets in solchem Falle
    schlägt der Ärger auf die Galle,
    auf die Leber, auf den Magen,
    und schafft neues Unbehagen.

    Zutzelberger nunmehr kränklich
    geht zum Arzt, der – was bedenklich –
    sich entschließt betreffs der Leiden
    Zutzelberger aufzuschneiden.

    Doch wie stets in solchem Falle
    findet er nichts an der Galle,
    an der Leber und am Magen.
    Zutzelberger will verzagen.

    Er klagt Petermann sein Leiden;
    der hält nichts vom Bauchaufschneiden
    und er sagt zu Zutzelberger:
    “Das kommt alles nur vom Ärger!”

    Die Erkenntnis überprüfend,
    in die Weisheit sich vertiefend,
    findet er, daß sie gelehrt ist,
    weil kein Ärger Ärger wert ist!

    Seitdem meidet Zutzelberger
    großen Ärger, kleinen Ärger,
    er lebt stillvergnügt und heiter
    und so weiter, und so weiter ...

    vermutlich von Eugen Roth

     

    Frau Schwalbe

    1. Frau Schwalbe ist 'ne Schwätzerin,
    Sie schwatzt den ganzen Tag,
    Sie plaudert mit der Nachbarin,
    So lang sie plaudern mag.
    |: Das zwitschert, das zwatschert
       Den lieben langen Tag! :|

    2. Sie schwatzt von ihren Eltern viel,
    Von ihren Kindern klein,
    Und wenn sie niemand hören will
    Schwatzt sie für sich allein,
    |: Das zwitschert, das zwatschert
       Und kann nicht stille sein! :|

    3. Hat sie im Herbst Gesellschaft gar
    Auf jedem Dache dort,
    So schwatzen die Frau Schwalben all'
    Erst recht in einem fort!
    |: Das zwitschert, das zwatschert
       Und man versteht kein Wort! :|

    Christian Dieffenbach 

     

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